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Dietmar J. Bronder


VBE-Modell einer Sekundarschule




Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) schlägt eine Änderung des Schulverwaltungsgesetzes dergestalt vor, daß an bestehenden Realschulen und Hauptschulen Hauptschulbildungsgänge bzw. Realschulbildungsgänge angegliedert werden können. Eine solche Schule, an der zwei Bildungsgänge miteinander kooperieren, müßte schulorganisatorisch als eine Schule gelten. Die Klassen 5 und 6 sollen in Form einer bildungsgangunabhängigen Orientierungsstufe geführt werden. Der VBE sieht darin einen "Ausweg aus der gegenwärtigen Krise der Schulstruktur, der weder weitere Entwicklungen ausschließt noch diese bereits präjudiziert". Eine solche "Kooperation von Hauptschul- und Realschulbildungsgang" ist insofern von großer Bedeutung, als sie den betreffenden Gemeinden den Schulstandort erhält, das Auspendeln von weiteren Schülern verhindert und bauliche Investitionen überflüssig macht.


Zur didaktischen Begründung wird angeführt, daß sich der Unterricht in der Tradition von Haupt- und Realschulen an einer erfahrungs- und handlungsbezogenen Konzeption orientieren kann; er kann theoretisches und praktisches Lernen integrieren sowie berufs- und allgemeinbezogene Lerninhalte verbinden. "Diesem Weg wird eine Pädagogik gerecht, die schulische Lernprozesse eng an die alltäglichen Erlebnisse und Erfahrungshorizonte der Schüler anbindet. Arbeitslehre, Wirtschaftslehre und Berufswahlvorbereitung sind in diesen Schulen zentrale Aufgaben.

Bei einer Kooperation von Haupt- und Realschulen kann also davon ausgegangen werden, daß der Unterricht in beiden Bildungsgängen den selben pädagogisch-didaktischen Prinzipien folgt. In beiden Schulformen bzw. Bildungsgängen ist der Unterricht eher:

- situationsgebunden,

- konkretisierend und

- praxisbezogen.


Der Vergleich der Richtlinien für die Schulformen Hauptschule und Realschule zeigt eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen diesen Schulformen im Gegensatz zum Gymnasium auf, verweist aber zugleich auch auf feine Unterschiede zwischen den Sekundarstufen I-Schulformen. So werden zur Unterrichtsorganisation und zu den Lehr- und Lernformen im Hauptschultext sowie zur Gestaltung der Lernprozesse im Realschultext im Text für die Sekundarstufe I des Gymnasiums keine entsprechenden Aussagen gemacht. Dies gilt auch für die Darstellung der Beratung an der Realschule und die Beschreibung von Aufgaben und Einsatz der Lehrerinnen und Lehrer an der Hauptschule. Identisch sind die Beschreibungen der grundlegenden Ziele von Erziehung und Bildung in Haupt- und Realschule, die beide jene grundlegenden Befähigungen vermitteln, die zu einer selbstbestimmten und verantwortungsbewußten Gestaltung des Lebens in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft notwendig sind. Dagegen hebt sich das Bildungsverständnis des Gymnasiums ab, welches auf ein zunehmend selbständiges und sozialverantwortliches Leben vorbereiten soll. Der Vergleich der grundlegenden Befähigungen und Ziele von Erziehung und Unterricht ergibt weitere Gemeinsamkeiten in Inhalt und Begrifflichkeit:





Rang

grundlegende Befähigungen

Hauptschule

grundlegende Befähigungen

Realschule

Ziele des Gymnasiums

Sekundarstufe I

1.

Gestaltung des persönlichen Lebens und Mitgestaltung sozialer Beziehungen.

Entfaltung individueller Fähigkeiten und sozialer Verantwortung.

Entwicklung individueller Fähigkeiten.

2.

Verantwortliche Tätigkeit in der Berufs- und Arbeitswelt.

Kulturelle Teilhabe.

Soziale Verantwortung.

3.

Mitbestimmung und Mitverantwortung in Gesellschaft und Politik.

Ethische Urteils- und Handlungsfähigkeit.

Mitbestimmung und Verantwortung in einer demokratischen Gesellschaft.

4.

Teilhabe an der kulturellen Welt.

Verantwortliche Tätigkeit in der Berufs- und Arbeitswelt.

Ethische Urteilsbildung.

5.

Auseinandersetzung mit grundlegenden Sinnfragen menschlicher Existenz.

Mitbestimmung und Mitverantwortung in einer demokratischen Gesellschaft.

Kulturelle Teilhabe.


Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, daß das Gymnasium nicht das Ziel hat, auf Tätigkeiten in der Berufs- und Arbeitswelt hinzuarbeiten. Dieser Punkt fehlt völlig, während die übrigen Ziele in den beiden anderen Schulformen genannt werden, wenn auch an einer anderen Rangstelle. Auch vermeidet der Richtlinientext für das Gymnasium jeden Hinweis auf die Entwicklung eines Handlungsrepertoires, was im Bereich der Ethik besonders augenfällig ist. Textliche Übereinstimmung zwischen Haupt- und Realschule lassen sich in drei der fünf Befähigungen nachweisen. Der Unterschied liegt in der Schwerpunktsetzung. Steht die Befähigung zur verantwortlichen Tätigkeit in der Berufs- und Arbeitswelt an zweiter Stelle in den Hauptschulrichtlinien, so taucht diese Formulierung im Realschultext erst an vierter Stelle auf. Mitbestimmung und Mitverantwortung in Gesellschaft und Politik (Hauptschule Rang 3) bilden dort das Schlußlicht. Die kulturelle Teilhabe hat in der Realschule einen deutlich höheren Stellenwert (Rang 2) als in der Hauptschule (Rang 4). Die beiden ersten Rangplätze zeigen die Schwerpunkte der Bildungs- und Erziehungsarbeit. Die Gestaltung des persönlichen Lebens ist ohne Entfaltung der individuellen Fähigkeiten nicht denkbar. Die Mitgestaltung sozialer Beziehungen ohne die Übernahme von Verantwortung für sich und andere bliebe inhaltsleer. So gesehen repräsentieren beide Schulformen die gleichen Bildungs- und Erziehungsziele. Anders dagegen das Gymnasium, welches die Entwicklung individueller Fähigkeiten von der sozialen Verantwortung abgrenzt, indem unterschiedliche Rangplätze vergeben werden.


Der Vergleich der Prinzipien bzw. Grundsätze des Lehrens und Lernens ergibt Gemeinsamkeiten in der identischen Formulierung in Haupt- und Realschule, während die Wissenschaftsorientierung am Gymnasium durch "Hinführung zu wissenschaftspropädeutischem Lernen" ergänzt wird. Unterschiedlich ist auch hier die Reihenfolge, in der die Prinzipien aufgelistet werden:







Prinzipien bzw. Grundsätze des Lehrens und Lernens

Reihenfolge

Hauptschule

Reihenfolge

Realschule

Reihenfolge

Gymnasium


Erfahrungsorientierung



1


3


2*


Wissenschaftsorientierung



2


2


1**


Handlungsorientierung



3


4


2**

Gegenwarts- und Zukunftsorientierung



4


1


3***


* Die Begriffe der Erfahrungs- und Handlungsorientierung werden im Richtlinientext für die Sekundarstufe I des Gymnasiums in der Formulierung "Schülerorientierung" zusammengefaßt.

** Die Wissenschaftsorientierung hat am Gymnasium den höchsten Stellenwert. Zugleich soll der Unterricht zu wissenschaftspropädeutischem Lernen hinführen.

*** Anders als in Haupt- und Realschule sollen didaktische Entscheidungen am Gymnasium keiner Gegenwarts- und Zukunftsorientierung folgen.


Deutlicher als Hauptschule und Gymnasium formuliert die Realschule die Fortsetzung des "erziehenden Unterrichts" der Grundschule. Dieser wird hier verstanden als Verbindung von personaler und sozialer Erziehung mit fachlicher Bildung. Die Gemeinsamkeit von Haupt- und Realschularbeit kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß quantitative Unterschiede in der Lernmotivation, der Lerngeschwindigkeit und der Abstraktionsfähigkeit innerhalb dieser Schülergruppen bestehen und auch bestehen bleiben. Für eine Kooperation gilt daher das Prinzip: Soviel Gemeinsamkeit wie möglich, soviel Differenzierung wie nötig. Solange die Schüler im Bildungsgang Hauptschule die Möglichkeit haben, bei entsprechenden Leistungen einen Anschluß an den Bildungsgang Realschule und damit einen Zugang zur Fachoberschulreife zu erreichen, wird ihre Lernbereitschaft und ihr Einsatz in der Schule positiv beeinflußt werden. Sobald ein gemeinsamer Unterricht die einen über- und die anderen unterfordert, müssen sie getrennt unterrichtet werden. Der Unterricht im 5. und 6. Schuljahr kann und soll grundsätzlich in heterogenen Lerngruppen erfolgen. Bei notwendigen Fördermaßnahmen für schwächere Schüler sind Vorformen der äußeren Differenzierung möglich und wünschenswert. Der Umfang solcher Fördermaßnahmen hängt davon ab, wie viele Lehrerstunden für Differenzierung in einer solchen Schule bereitgestellt werden. Erfahrungen belegen, daß die Lerndefizite einzelner Schüler sich nicht auf das gesamte Fächerspektrum beziehen, sondern durchaus fachspezifisch akzentuiert sind.


Im 7. und 8. Schuljahr sollten die Schüler nach Bildungsgängen differenziert unterrichtet werden. In dieser 'Differenzierungsstufe' sollte der Unterricht in den Fächern Englisch und Mathematik und evtl. auch Deutsch und Physik zeitlich parallel angeboten werden, so daß die Möglichkeit besteht, daß bei entsprechenden Leistungen Schüler des Hauptschulbildungsganges auch am Unterricht der Realschüler teilnehmen könnten. Zugleich ist ein Wahlpflichtbereich einzurichten, zu dem alle Schüler je nach Leistungsstand und Interesse Zugang haben.


Im 9. und 10. Schuljahr wird neben den Realschulklassen eine abschlußbezogene Hauptschulklasse gebildet. Schüler mit entsprechenden Leistungen können noch am Ende des 8. Schuljahres wie auch des 9. Schuljahres in den Bildungsgang Realschule überwechseln, um dort die Fachoberschulreife zu erwerben. Schüler mit dem Hauptschulabschluß werden dabei in der Regel das 9. Schuljahr der Realschule wiederholen müssen. Es wird an dieser Schule, wenn die Schullaufbahnberatung verantwortlich durchgeführt wird, kaum noch Schüler in der 9. Klasse des Hauptschulbildungsganges geben, die eine Fachoberschulreife mit Erfolg anstreben können. Voraussetzung für den Erfolg dieses Lösungsvorschlags ist es, daß die dort tätigen Lehrer für die gesamte Schülerpopulation verantwortlich und entsprechend ihrer fachlichen Lehrbefähigungen in allen Bildungsgängen und Kursen einsetzbar sind. Eine kombinierte Haupt-Realschule sollte daher nur eine Schulleitung und ein Lehrerkollegium haben. Im Schaubild stellt sich der VBE-Vorschlag für eine Schule im ländlichen Raum wie folgt dar:




FO/FOQ

BS







Unterricht in abschlußbezogenen Gruppen




Wahlpflicht-unterricht



E. B.



Profil-

10

Deutsch

Englisch

Mathematik

Religion

Sport

Deutsch

Englisch

Mathematik

Religion

Sport


2. Fremd-sprache

Naturwiss.

LB Arbeits-lehre



Kurs-angebot

stufe

9

Wirtschaft/Technik

LB Gesellschaftslehre

LB Naturwissenschaften

LB Ästhetik


Wirtschaft/Technik

LB Gesellschaftslehre

LB Naturwissenschaften

LB Ästhetik



Ästhetik

oder/und

Sozialwiss./

Sozialpäd.

nach





Unterricht in abschlußbezogenen Gruppen



Unterricht

in Fach-

leistungs-gruppen



Wahlpflicht-unterricht




Diffe-renzie-

8

Deutsch

Englisch

Mathematik

Religion

Sport

Deutsch

Englisch

Mathematik

Religion

Sport

Deutsch

Englisch

Mathematik

Physik

2. Fremd-sprache

Naturwiss.

LB Arbeits-lehre


Schüler-inter-essen

rungs-stufe

7

Wirtschaft/Technik/Haus-wirtschaft

LB Gesellschaftslehre

Biologie/Chemie

LB Ästhetik

Wirtschaft/Technik/Haus-wirtschaft

LB Gesellschaftslehre

Biologie/Chemie

LB Ästhetik


Ästhetik

oder/und

Sozialwiss./

Sozialpäd.

und





Unterricht in Kerngruppen



Unterricht

in Fach-

leistungs-gruppen


Stütz- und Förder-unterricht



Orien-tierungs

6

Deutsch

Englisch

Mathematik

Religion

Sport

nach Bedarf Englisch und Mathematik



fachge-bundener Stütz- und



Ange-bot der

-stufe

5

Wirtschaft/Technik/Hauswirtschaft

LB Gesellschaftslehre

LB Naturwissenschaften

LB Ästhetik


Förder-unterricht

Schule


Lernbereich Gesellschaftslehre: Geschichte, Erdkunde, Politik

Lernbereich Naturwissenschaften: Biologie, Chemie, Physik

Lernbereich Arbeitslehre: Wirtschaft, Technik, Hauswirtschaft

Lernbereich Ästhetik: Musik, Kunst, Textilgestaltung

E.B.: Erweitertes Bildungsangebot

LB: Lernbereich

BS: Berufsreife

FO/FOQ: Fachoberschulreife/Fachoberschulreife mit Qualifikation und Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe


Der VBE-Vorschlag einer Sekundarschule geht auf Ausgangsüberlegungen im Jahre 1978 zurück. Damals hatte der VBE-Vorsitzende BALDUIN festgestellt, daß es im Blick auf die Frage, wer zur Studierfähigkeit ins Gymnasium geführt werden kann und wer dazu nicht oder noch nicht in der Lage erscheint, unterschiedliche Schüler betrifft. Eine Trennung in Hauptschüler und Realschüler könne in diesem Zusammenhang nur aus der Ideologie heraus vorgenommen werden. Vom Bildungsauftrag her sei das dreigliedrige Schulsystem nicht mehr zu begründen. Die Alternative läge zwischen der Gesamtschule als einziger Schulform und einem zweigliedrigen Schulsystem. Wer gegen die Gesamtschule an der dreigeteilten Schule festhalte, gefährde die Hauptschule als weiterführende Schule, in dem er ihre Erosion beschleunige. Zehn Jahre später erwiesen sich die grundsätzlichen Überlegungen des VBE durch die tatsächliche Entwicklung der Schülerzahlen als bestätigt. Im Konkurrenzkampf eines viergliedrigen Schulsystems unterlag die Hauptschule mehr und mehr dem Sog-Effekt von Gesamt- und Realschule. Das Gymnasium war zur stärksten Schulform der Sekundarstufe I avanciert. 1989 forderte der VBE daher zu einem Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik auf. Die zukünftige Schulstruktur sollte künftig von zwei unterschiedlichen Bildungsgängen her definiert werden. Der ehemalige Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen, HOLTHOFF, setzte sich 1991 vehement für diesen Paradigmenwechsel und die notwendige Zweigliedrigkeit des Schulwesens ein: "Die inneren Widersprüche des derzeitigen Schulsystems sollte die Schulpolitik veranlassen, eine Entwicklung einzuleiten, die eine zweigliedrige Organisation des allgemeinbildenden Schulwesens zum Ziel hat. Diese Gliederung würde das Gymnasium umfassen, dessen Bildungsweg auf den Besuch der wissenschaftlichen Hochschule vorbereitet. Daneben stünde eine allgemeine Schule des Förderns jedweder Begabung, die die Mehrheit ihrer Schüler auf die hohen Anforderungen in Gesellschaft und Beruf vorbereitet, während sie den kleineren Teil ihrer Besucher gemeinsam mit beruflichen Schulen zur Fachhochschule und Hochschule führt."



Dietmar J. Bronder


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